Auch wenn Du nicht
da bist, ich spüre Dich.
Möglichkeiten der emotionalen Klärung
eines alleingeborenen Zwillings durch Arbeit am Tonfeld.
Wer sich an einen mit Ton gefüllten Kasten setzt,
hineingreift und etwas gestaltet, ist vor Überraschungen
nicht sicher. Bekommen innere Bilder die Chance sich
über die Hände im Ton auszudrücken,
erzählen die Hände eine Geschichte: Die
eigene Geschichte. Sie machen sichtbar was tief im
Inneren deutlich zu spüren ist, aber (noch) nicht
benannt werden kann. Beim Beobachten vieler Tonfelder
mit Kindern und Erwachsenen habe ich oft die Zahl
Zwei gesehen. Zwei Türme, zwei Höhlen, zwei
Kugeln, zwei Tiere, zwei Brunnen,… Ich habe
versucht herauszufinden, was all die „Zweier-Bilder“
sagen wollen und bin dabei auf die Themen „Dualität“
und „Zwilling“ gestoßen. Dabei habe
ich folgendes festgestellt: Im Tonfeld gibt es viele
Anhaltspunkte, die den verlorenen Zwilling sichtbar
machen, sowohl in den gestalteten Bildern bei Erwachsenen
und Kindern als auch bei Bewegungs- und Berührungsabläufen
bei Erwachsenen im grundlegenden Erleben. Das grundlegende
Erleben beruht auf der sensomotoriischen orientierenden
Flächen- und Kontakterfahrung, das allein sein
aufhebt.
Was ist ein „verlorener Zwilling“?
Es gilt als erwiesen, dass ca. 40% mehr Zwillings-
bzw. Mehrfachbefruchtungen stattfinden, als es Zwillings-
bzw. Mehrlingsgeburten gibt. Nicht jede Mehrfachbefruchung
führt zu Mehrlingsgeburten. Von fast allen Mehrfachbefruchtungen
stirbt im Laufe der ersten acht Schwangerschaftswochen
eine oder mehrere befruchtete Eizellen ab und gehen
„verloren“. Meist zeugt nicht mehr als
ein kurzer Bauchschmerz oder eine geringe Zwischenblutung
von ihrer Existenz. Oft wird dies weder von der Mutter
noch den begleitenden Ärzten bemerkt. Was bleibt,
ist eine befruchtet Eizelle, die zu einem biologisch
gesunden Kind heranwächst.
Dadurch, dass während der ersten Schwangerschaftswochen
zwei oder mehr befruchtete Eizellen im Uterus gedeihen,
geschieht es nicht selten, dass das erste Finden eines
Gegenübers nicht erst nach der Geburt erfahren
wird, sondern schon im Mutterleib. Das Kind findet
sich in seinem Zwilling. Für die Entwicklung
eines Kindes ist die Wahrnehmung eines jeweils „Anderen“
im Mutterleib von großer Bedeutung. Denn schon
in dieser frühen Wachstums- und Entwicklungsphase
spüren und hören sich die Zwillinge. Sie
sind einander sehr nah. Man nimmt sogar an, dass ein
Kind in diesem Stadium den Anderen auch schon sehen
kann; diese Theorie ist allerdings noch nicht eindeutig
belegt. Sicher ist jedoch: Sie nehmen einander wahr.
Und darüber auch sich selbst. 1
Doch dann dringt in diese enge Symbiose eine Veränderung;
das gewonnene Gespür für den Anderen bekommt
keine neuen Impulse, die Nähe schwindet, er „entfernt“
sich, die gehörten Töne werden leiser, bis
sie ganz verstummen. Einer bleibt allein zurück.
Jedoch die Erfahrungen, die mit dem Anderen gemacht
wurden und die Zeit, die zusammen verbracht wurde,
bleiben tief in dem heranwachsenden Kind verankert.
Diese Urerfahrung der Nähe bringt das Kind mit,
wenn es auf die Welt kommt. Sie wird es sein Leben
lang begleiten. Erfahrungen wie diese sind später
schwer in Worte zu fassen und können selbst von
Erwachsenen oft nicht klar benannt werden. Doch es
gibt Merkmale, die fast alle Kinder und Erwachsenen,
die diese pränatale Verlusterfahrung gemacht
haben, teilen: unerfüllte Sehnsüchte, Versagensängste,
große Anpassungsbereitschaft an Andere, unerklärliche
Traurigkeit, Schuldgefühle und selbst beschnittene
Lebensfreude.
Da jeder Mensch auf Kooperation und Kommunikation
angelegt ist, ist das Finden und die Akzeptanz eines
anderen Menschen die Voraussetzung, sich selbst als
lebendig zu erfahren. Das nicht oder nur eingeschränkt
zu können, kann auf eine pränatale Verlusterfahrung
im Mutterleib hindeuten. Der tote bzw. „verlorene“
Zwilling wirkt in das Leben des Geborenen hinein.2
Kinder wie Erwachsene versuchen manchmal im Tonfeld,
auf diese nicht greifbaren Einflüsse in ihrem
Leben eine Antwort zu finden. Ich bin während
der Arbeit am Tonfeld immer wieder mit diesen Phänomenen
konfrontiert worden und denke, es nach intensiver
Beobachtung zuordnen zu können.
Die Zahl zwei ist zwar einerseits eine Metapher für
den Zwilling, vor allem aber eine für die Dualität
im eigentlichen Sinn. Auffällig waren bei fast
all meinen Tonfeld-Klienten die immer wieder auftauchenden
Doppelbilder, die alle einen unterschiedlichen Charakter
hatten. Der eine Teil, der von mir beobachteten Klienten,
formten meist am Boden des Tonfeldes, eine Gestalt/Objekt,
die/das sich wiederholte, in gleicher Größe
und in symmetrischer Gegenüberstellung von jeweils
selbstständiger Qualität. Zwei gleichgroße
Tiere, zwei gleichgroße Monster, zwei gleichgroße
Kugeln. Es wurde eine Sehnsucht nach Dualität
spürbar. Eine Sehnsucht nach einem Gegenüber,
um über dieses Gegenüber in eine Positionierung
und/oder Anerkennung des eigenen Ichs zu kommen. Diese
Art von Doppelbildern formen Klienten ohne Zwillingserfahrung
im Mutterleib.
Die Doppelbilder der allein - geborenen Zwillinge
sind anders. Bei ihnen finden sich häufig Doppelgestalten
bzw. Doppelobjekte nicht von gleicher, sondern von
unterschiedlicher Größe. Ein großer
Baum steht einem verkrüppelten Baum gegenüber,
ein großer Tunnel mit einem kleinen, unscheinbaren
Tunnel daneben, eine große Figur bekommt eine
kleine an die Seite gestellt. Räumlich sind diese
Gestalten eng verbunden, meist sogar miteinander verwachsen.
Wenn die Tonfeld-Klienten auf diese von Ihnen dargestellte
enge Verbindung angesprochen werden, sind zwei Antworten
auffallend häufig: Entweder sie erklären
die Wichtigkeit der Verbindung oder sie sagen, die
Figur/das Objekt sei „unfertig“ ohne den
zweiten, kleineren Teil. Ein Teil kann scheinbar ohne
den anderen nicht existieren. Es wirkt so, als ob
sie ohne den zweiten Teil keinen Halt haben. Hier
ist eine tiefe Sehnsucht spürbar. Eine Sehnsucht
nach etwas, das fehlt. Nach dem, was ergänzt.
Nach dem, was sie schon kennen und deshalb suchen,
aber bisher nicht haben finden können. Insgesamt
spielt sich die Arbeit hier auf der Oberfläche
im Tonfeld ab, nicht am Boden des Feldgeschehens wie
bei Tonfeld-Klienten ohne pränatale Verlusterfahrung.
Hier werden die Flächen- und Kontakterfahrungen
in Bildern objektiviert. In den Gesprächen nach
Entstehung der Gestalt/des Objektes treten dann häufig
sprachliche Doppelbilder auf. Die Rede ist dann z.
B. von „zwei Schwestern“, von „Kobold
und Grobold“, vom „goldenen Zwilling“
oder von Venus und Mars.
Wenn allein geborene Zwillinge bereits im Erwachsenenalter
sind, sind weitere Besonderheiten in ihrer Arbeit
am Tonfeld zu beobachten. Hier sind oft lange Berührungsszenen
mit der Oberfläche des Tonfeldes zu sehen, ein
fragendes Streichen der Hände, ein ganz bewusstes
in Kontakt treten zwischen Hand und Material. Die
Mimik verändert sich dabei sichtbar. Sowohl das
Greifen als auch das Eingreifen ins Material ist zögernd.
Wenn es dann zum Greifen kommt, fällt meist eine
Hand aus dem Kontakt mit dem Material, wird manchmal
sogar ganz aus dem Tonfeld herausgenommen. Es ist,
als wäre die Hand verhindert, handlungsunfähig
oder gelähmt. Der Gesichtsausdruck scheint während
dessen von einer traurigen Sehnsucht geprägt
zu sein. Die Kopfbewegung richtet sich meist einseitig
aus, als wollte der Klient sich an etwas anlehnen
oder mit dem Ohr an etwas hören. Wenn es ihm
gelingt, in eine körperlich-rhythmische Wiegebewegung
zu finden, sucht die aktive Hand die bis dahin „verhinderte“
Hand und zieht sie in die Bewegung mit ein. Sie arbeiten
dann gemeinsam. Es entsteht gegenseitiger Halt und
eine Bestätigung in der Bewegungsaktion, die
sich auf den ganzen Körper auswirkt. Haben die
Hände einander erkannt bzw. gefunden, verändert
sich wieder der Gesichtsaudruck. Eine Entspannung
der Gesichtszüge tritt ein und berührende
Zartheit taucht auf, äquivalent der Zartheit,
mit der die Hände den Ton im Feld berühren.
Dann richtet sich der Körper des Klienten sichtbar
auf, als ob er denjenigen, den er verloren hat, in
der Ferne entdeckt hat. Es ist eine äußerst
langsame, sensomotorisch orientierte Bewegungsarbeit,
die es jedoch möglich macht, das innere Gespürte
in gestaltete Bildern am Tonfeld zu objektivieren.
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Wenn ich mir als Begleiter der Anwesenheit des morphogenen
Zweiten sicher bin, spreche ich den Zwilling direkt
an. Je nach Situation frage ich nach der Familiengeschichte,
nach Unregelmäßigkeiten in der Schwangerschaft
oder stelle die Frage wie z.B. „fehlt dir Jemand“?
Auf die Frage folgt meist ein herzzerreißendes
Weinen, trauernd und erlösend zugleich. Die meisten
Erwachsenen erleben in diesem Moment ganz unmittelbar
und körperlich das Weichen einer Schwere; jetzt
kann die Heilung beginnen. Denn wenn Klienten anfangen,
ihre Sehnsucht kennen zu lernen, können sie sich
auch ihrer bisherigen Kompensationshandlungen bewusst
werden und verstehen, warum sie sich so verhalten
haben, wie sie sich bisher verhalten haben. Ihr Alltagsleben
mit ihren eigentlichen Kompetenzen bekommt mehr Raum.
Parallel dazu gestalten sie in weiteren Tonfeldern
ihr „verlorenes Vertrautes“. Aus „Kobold
und Grobold“ wird ein Einstein, aus den „zwei
Schwestern“ ein Yin und Yang, aus einem großen
und kleinen Tunnel ein zweispuriger Tunnel mit Durchbruch.
Die Auswirkungen der Wiederentdeckung eines verlorenen
Zwillings, und die Akzeptanz dessen, ist natürlich
nicht der alleinige Schlüssel zur Beseitigung
von Alltagsproblemen, aber ein großer Gewinn
für die Persönlichkeit. Die Erfahrung zeigt,
dass nach einer solch persönlichen Arbeit am
Tonfeld deutliche und positive Veränderungen
der Lebenslust, Lebenskraft und Lebensfreude sichtbar
und spürbar sind. (bg)
Quellen- und Literaturhinweis
1 Levi Salvator: hat zahlreiche Zwillingsuntersuchungen
mittels Ultraschall durchgeführt und Fachliteratur
geschrieben.
www.ob-ultrasound.net/levi.html
2 Evelyne Steinemann: Der verlorene Zwilling,
wie ein vorgeburtlicher Verlust ein Leben prägen
kann. Kösek Verlag
Alfred R. Austermann und Bettina Austermann.
Das Drama im Mutterleib,
www. Koenigsweg-verlag.de
3 Christine Amrhein. Das autobiographische Gedächtnis,
woran wir uns erinnern, Artikel in Psychologie heute
9/2008
Gerald Hüther. Die Macht der inneren Bilder,
Verlag Vandenhoech & Ruprecht
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